Stress als Wegweiser für den modernen Menschen

Haben Sie sich schon einmal gefragt, warum Menschen mit einem naturnahen Lebensstil in ländlichen Gegenden selten über Stress klagen? Sie wirken zufriedener und ausgeglichener als es sich ein Bürohengst jemals zu träumen vermag. Je abgelegener die Heimat vom städtischen Treiben ist, umso häufiger sprechen sie davon, in einem Paradies zu leben. Sie führen ein gänzlich einfaches Leben.

„Einfachheit, so einfach ist das.“ Was sich wie ein Werbeslogan anhört, ist die Richtschnur zu einem stressarmen Leben. Drehen wir den Sachverhalt um, so ergibt sich unser wahres Unglück. Wir werden anfälliger für Stress, weil wir das Leben komplizierter, undurchsichtiger und schneller gestalten. Die bewährte Struktur von gestern ist morgen bereits überholt. Sie zerfällt am eigenen Zeitgeist. Im Sinne der Biologie verändert sich die vertraute Umgebung, an die wir uns erst einmal gewöhnen müssen. Wir passen uns an, damit unser inneres Empfinden im Gleichgewicht zur wahrgenommen Außenwelt steht. Ein natürlicher Prozess, den wir mit allen Lebendigen teilen.

Allerdings findet die menschliche Anpassung allein im Mentalen statt. Unser inneres Modell von der Welt formt sich unserer Wahrnehmung entsprechend. Steht unsere Wahrnehmung mit den eigenem Weltbild in Konflikt, geraden wir in Stress. Der Körper signalisiert uns, den Konflikt zu lösen. Er stellt seine verfügbaren Energiereserven bereit, um den Veränderungsprozess im Rahmen der Konfliktlösung zu unterstützen.

Ob Landbewohner oder Großstadtmensch, ein jeder von uns durchlebt unbequeme – aber lehrreiche – Augenblicke. Der große Unterschied zwischen einem naturnahen und großstädtischen Leben offenbart sich vor allem in der Anzahl paralleler Konflikte und in deren Dauer. Je komplexer das eigene Leben ist, umso größer ist die Gefahr, dass innere Konflikte ausbrechen. Das Konfliktpotenzial ist demnach in der Großstadt bedeutend größer als auf dem Land.

 

Mentale Weltbilder verursachen biologisch-unsinnige Reaktionen

Anders als unsere tierischen Vertreter besitzen wir die Möglichkeit neue – mentale – Realitäten zu schaffen und diese zu verwirklichen. Wir entwickeln unsere Weltbilder kontinuierlich weiter und leben diese in Form einer neuen kulturellen Strömung aus. Ein Bezug zur biologischen Umwelt ist nicht notwendig. Der Glaube über uns selbst und unsere Außenwelt ist zur Basis menschlichen Lebens geworden. Diese Fähigkeit ist eine einzigartige Gabe, stellt den Menschen jedoch vor seine größte Herausforderung. Die untere Abbildung nach Robert Dilts veranschaulicht das Konzeptgebäude des menschlichen Geistes:

Logische Felder

Jede logische Ebene beschreibt einen potenziellen Konfliktherd. Alle Ebenen wirken untereinander, wobei die höheren Ebenen die unteren stärker beeinflussen als umgekehrt. Wenn wir zum Beispiel spüren, dass unsere Werte unberücksichtigt bleiben oder unsere Überzeugung nicht mit der Außenwelt zu vereinbaren sind, bricht ein Konflikt auf, der wiederum zu Stress führt.

Aufgrund der Vielzahl von parallelen Konflikten innerhalb unseres Modells von Welt, erscheint es als Einzelperson fast unmöglich, alle Konflikte alleine zu lösen und die eigene Persönlichkeit der äußeren Umgebung anzupassen. Wir benötigen einen neutralen Blick von außen, der uns die Konfliktursachen verrät.

 

Das mentale Weltbild überlagert unsere biologischen Bedürfnisse

Während wir im Stress leben, verengt sich unsere Perspektive. Wir nehmen unsere Umgebung hauptsächlich so wahr, dass sie dem Konfliktinhalt entspricht. Der eingeschränkte Blick versucht den Fokus auf die eigentliche Ursache zu lenken. Jedoch versagt dieser Modus in der Vielschichtigkeit des Alltags. Uns fällt es deshalb so schwer, die wahrgenommenen Lebensumstände von unseren persönlichen Bedürfnissen zu trennen. Unser inneres Modell von Welt verzerrt die eigene Wahrnehmung, so dass wir ein Mangel oder ein Verlangen verspüren. Sie sind Ausdruck unserer biologischen Antriebe. Nach Abraham Maslow können wir zwischen fünf Hauptmotiven differenzieren, wie  die untere Abbildung aufzeigt:

Bedürfnispyramide

Die Bedürfnispyramide unterscheidet zwischen Wachstums- und Defizitbedürfnisse. Wachstumsbedürfnisse gelten als unstillbar und erscheinen für das menschliche Überleben bedeutungslos. Sie verdeutlichen jedoch die biologische Besonderheit des menschlichen Geistes. Aus ihm entspringt der Drang, sich zu entwickeln, sich zu entfalten und kreativ zu sein. Selbstverwirklichung ist gleichwohl erst dann möglich, wenn alle Defizitbedürfnisse befriedigt sind. Sie sichern das (Über-)Leben unserer Art.

Obwohl wir selten einen realen Bedürfnismangel erfahren, reagieren wir als ob das Defizit wirklich existieren würde. Unser unbewusster Geist samt seines Weltbildes sucht jede Gelegenheit, sich selbst zu bestätigen. Und es gelingt ihm, so dass wir pausenlos in Stress verfallen. Unser Verstand trickst uns aus und überlagert unsere eigentlichen Bedürfnisse mit einer Pseudo-Realität. Je komplexer unsere eigene mentale Realität ist, umso wahrscheinlicher tappen wir in die Bedürfnisfalle.

Stellen wir uns beispielsweise eine überraschende Kündigung vor. Am Vormittag haben Sie sich noch in materieller Sicherheit gewiegt. Kurz nach dem Mittag werden Sie betriebsbedingt gekündigt und dürfen sofort ihren Arbeitsplatz räumen. Ein Schlag ins Gesicht. Obwohl es eine Abfindung sowie Arbeitslosengeld gibt, und damit die materielle Existenz gesichert ist, empfinden die meisten Arbeitnehmer, ihr Bedürfnis nach Sicherheit verletzt. Die Vorstellung – nicht mehr im vertrauten Arbeitsumfeld gebraucht zu werden – löst eine ganze Kette von negativen Gefühlen aus, die mit der eigentlichen Situation wenig zu tun haben. Wir erinnern uns emotional an ähnliche Umstände, die uns geprägt haben, und stülpen sie über den gegenwärtigen Moment. Wir leiden und sind bisweilen verzweifelt, weil wir keine Besserung erwarten können.

 

Fazit

Der Weg aus dem Stress führt über unsere Emotionen. Sie sind zumeist Ausdruck unseres inneren Modells von der Welt, das wir auf unsere realen biologischen Bedürfnisse projizieren. Über das Beobachten unserer Emotionen gewinnen wir wichtige Informationen über den Konfliktinhalt. Es ist unsere persönliche Aufgabe, den eigenen Starrsinn zu bändigen. Ein stressarmes Leben – wie es naturnahe Menschen führen – ist nur möglich, wenn wir bereit sind, unser mentales Konzept zu vereinfachen. Es ändert sich schlagartig die Bewertung der wahrgenommenen Lebensumstände im Sinne der biologischen Bedürfnisse. Wir lassen ein Teil des Glaubens über uns selbst los und sind frei für die Dynamik des Lebens.

Zurück zur Startseite Zur Terminübersicht Seite drucken

Kommentieren Sie diesen Beitrag

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.