Aussteigen aus dem Gedankenkreislauf

Wissen Sie, was Emotionen wirklich sind und welchen Einfluss sie auf unsere Gedanken haben? Vielleicht kennen Sie die Situation, dass Sie wütend sind und nur noch einen Gedanken kennen. Den Gedanken, unserem Gegenüber die Meinung zu sagen und ihn zurechtzuweisen. Sie geben keine Ruhe, bis Sie ihrem Ärger ausreichend Luft gemacht haben. In diesen Momenten verschmelzen unser Geist und unser Körper zu einer reaktiven Einheit. Wir verlieren die Kontrolle und blenden alles andere aus. Unsere Wahrnehmung engt sich ein und fokussiert sich lediglich auf die Abweichung zwischen der empfundenen Realität und dem inneren Modell von der Welt. Wir sind in einem Konfliktzustand gefangen und finden alleine nicht mehr aus ihm heraus.

Doch welchen Ausweg gibt es aus diesem Teufelskreislauf? Den Anfang bildet ein tieferes Verständnis für unseren Seinszustand. Jedes emotionale Verhalten spiegelt den einmaligen Charakter unseres Wesens wider. Er ist Ausdruck unseres inneren Modells von der Welt samt unserer Lebensvision, unseres Identitätsgefühl, unserer Werte und Überzeugungen. Mit jeder Erkenntnis über die Zusammenhänge zwischen unseren Emotionen und unserem Weltbild wächst die Einsicht Teile dieses Modells loszulassen und den Lauf des Lebens zu beobachten. Diese oft rein intellektuelle Feststellung, reicht allerdings nicht aus, um aus dem alten Gedankenmuster auszubrechen. Tritt ein Ereignis ein, das uns bis zu diesem Zeitpunkt emotional aufwühlte, dann wird es jetzt wieder passieren. Unser Leben wiederholt sich, wie das Abspielen eines Videofilms. Wir bleiben Gefangene unseres Selbst.

 

Die Einheit von Körper und Geist

Um zu verstehen, wie wir uns angemessenere Verhaltensweisen aneignen können, lohnt es sich, ein Blick in die Neurophysiologie zu werfen. Die untere Abbildung beschreibt einen vereinfachten Informationsfluss von der Wahrnehmung von Sinnesreizen bis zur Ausschüttung von neurochemischen Substanzen in unserem Gehirn:

Ausschüttung

Ob Mund, Ohren, Nase, Zunge oder Haut, unsere Sinnesorgane sind das Tor zur Außenwelt. Über sie nehmen wir eine unvorstellbare Menge an Informationen auf, die unsere Umgebung auf vielfältige  Weise beschreiben. Der Thalamus – als Umschaltzentrale des Gehirns– leitet die Sinneswahrnehmungen in die entsprechenden Areale der Großhirnrinde weiter. Er entscheidet je nach dem vorherrschenden Weltbild, welche Informationen weitergeleitet und bewusst gemacht werden sollen. Im engen Austausch mit dem Großhirn bewertet der Thalamus die Gesamtsituation und alarmiert die Amygdala, falls die Befriedigung eines unserer biologischen Bedürfnisse in Gefahr gerät. In ihr sind alle erlebten Ereignisse mit Emotionen verknüpft. Sie bildet eine Art Datenbank für unsere wichtigsten Lebenserfahrungen. Überschreiten einzelne Sinneswahrnehmungen, die sich mit gefährlichen Ereignissen in unserer Vergangenheit decken, eine bestimmte Reizschwelle, kontaktiert die Amygdala den Hypothalamus. Je nach Gefahrenlage greift der Hypothalamus in das autonome Nervensystem ein und passt verschiedenste Körperfunktionen zur Bewältigung der Situation an. Bereits kleinste Gefahren sorgen für die Korrektur des gesamten neurochemischen Milieus. Über die Hypophyse werden letztendlich Neuropeptide ausgeschüttet, die in den Hormonspiegel eingreifen und eine Emotion – in Form einer Körperempfindung – auslösen.

Neurochemie

Die obere Abbildung verdeutlicht, wie sich die ausgeschütteten Neuropeptide über die Blutbahn im ganzen Körper verteilen und durch das Drüsensystem absorbiert werden. Die Drüsen reagieren daraufhin mit der Ausschüttung von Hormonen und Sekretionen, was wir durch eine Veränderung unserer Körperfunktionen wahrnehmen. Unser Körper und unser Geist bilden eine Einheit. Wir fühlen uns bereit unserer Umwelt entgegenzutreten.

Im Rausch der Emotionen verlangt der Körper nach mehr. Er fordert über den Hormon- und Sekretionsspiegel die Aufrechterhaltung des gegenwärtigen neurochemischen Zustands. Die Hypophyse sorgt für Nachschub und zwingt unser Gehirn, die Gedankenkette – die dieser Emotion entspricht – fortzuführen. Wir befinden uns in einer neurochemischen Endlosschleife, die für unseren Seinszustand sorgt. Unser Denken wird zu unserem Fühlen und unser Fühlen wird zu unserem Denken. Wir verhalten uns wie Süchtige, die immer mehr von dieser Neurochemie wollen. Jeder Gedanke, der die Bewältigung der Eigensucht zum Ziel hat, geht in den Emotionen unter. Ein ununterbrochener Kreislauf von unbewussten Reaktionen, der das eigene Modell von der Welt pausenlos bestätigt, ist die Folge.

Ein Ausweg aus der dem unendlichen Denk-Fühl-Mechanismus bietet ein Coaching oder eine Therapie. Jedoch verlangt jede Form der externen Unterstützung, die absolute Bereitschaft und den nötigen Willen von einem selbst. Gemeinsam mit einem Coach oder Therapeuten lassen sich unangemessene Überzeugungen gezielt aufspüren. Die äußere Perspektive verschafft Ihnen einen neutralen Blick auf sich selbst. Mit einem geschärften, ausgeglichenen Verstand besitzen Sie das erforderliche Bewusstsein, neue angemessenere Überzeugungen im Sinne der Konfliktlösung zu formulieren. Sie denken größer als Sie sich in diesem Augenblick fühlen. Der gelöste Konflikt führt zur Harmonisierung des Körpers. Die neue Realität des Geistes erzeugt folglich ein Gefühl der inneren Ruhe und Gelassenheit.

 

Von der Aufmerksamkeit zur Achtsamkeit

Die östlichen Philosophien lehren uns einen weiteren Weg zum inneren Gleichgewicht – die Meditation. Im Laufe der Jahrtausende hat sich eine Vielzahl von verschiedensten Techniken herausgebildet, die den Menschen große Dienste erweisen. Sie bieten Werkzeuge, um Emotionen zu besänftigen und aus einer neutralen Haltung heraus schwierige Entscheidungen zu treffen. Die Endlosschleife zwischen Denken und Fühlen wird unterbrochen. Es ist ein Zustand der Achtsamkeit, der sich durch Bewusstsein und eine defokussierte Wahrnehmung auszeichnet. Sie unterscheidet sich von der Aufmerksamkeit daher gehend, dass der gegenwärtige Gedanke losgelassen und das gewohnte Denkverhalten gestoppt wird. Unser Geist ruht und wir fühlen eine tiefe Zufriedenheit.

Allerdings ist ein Leben in Gedankenruhe für den normalen Menschen nur teilweise möglich. Das soziale Zusammenleben verlangt von uns, Überzeugungen zu entwickeln, zu pflegen und auszuleben. Nur dann sind wir fähig, Strukturen zu erdenken und Konzepte umzusetzen, die ein Leben in komplexen Gemeinschaften erfordert. Es ist die biologische Besonderheit des Menschen, die uns unbeschreibbare Fähigkeiten verleiht und uns gleichzeitig an einem glücklichen Leben hindert. Ein gesundes Maß zwischen Urvertrauen und Schaffenskraft zu finden, wird so zur größten Herausforderung des Menschen.

Die Meditation kann ein wichtiges Werkzeug sein, um die moderne Gesellschaft vom unstillbaren Durst nach Wissen zu heilen. Denn der Fokus auf Details verschleiert uns den Blick für das Ganze. Es ist der menschliche Makel, den es zu verstehen gilt. Je fokussierter unser bewusster Geist operiert, umso größer ist die Diskrepanz zwischen empfundener Wahrheit und der wirklichen Realität. Meditative Techniken helfen, das innere Modell von der Welt sukzessive zu verkleinern und das Konfliktpotenzial langfristig zu senken. Emotionale Reaktionen treten seltener auf, was unsere reine Wahrnehmung stärkt.

Letztendlich gilt es, sich in der Kunst eines maßvollen Denkens zu üben. Der spielerische Wechsel zwischen fokussiertem und defokussiertem Bewusstsein ist hierfür der entscheidende Schlüssel. Es ist vergleichbar mit dem Beobachten von Vögeln in einem dichten Wald. Fokussieren wir einen Baum an, um dort einen Vogel zu entdecken, kostet es uns unglaublich viel Mühe und Zeit, einen zu finden. Entscheiden wir uns dagegen für einen defokussierten Blick und nehmen eine größere Baumanzahl ins Visier, sehen wir verschiedenste Bewegungen in den Zweigen. Es sind Vögel die von Ast zu Ast springen. Wir haben unser Ziel erreicht und fokussieren, um Details des Vogels zu erkennen. Dieses Beispiel zeigt, welchen Vorteil wir genießen, wenn wir emotionsfrei wahrnehmen. Eine geschärfte Achtsamkeit erlaubt es uns, die Außenwelt so wahrzunehmen, wie sie ist und nicht wie sie uns – durch Brille unseres inneren Modells von der Welt – erscheint.

 

Fazit

Emotionen sind das Spiegelbild unseres Charakters. Wir reagieren in jeder Sekunde unseres Lebens so, wie wir uns die Welt vorstellen und weniger wie sie wirklich ist. Die aktuelle Menschheitsentwicklung zeigt, dass wir mehr und mehr von einem Gedankensog erfasst werden, woraus es kaum ein Entrinnen gibt. Die Komplexität unseres inneren Modells von der Welt vermittelt in unserem Inneren ein Gefühl des Mangels, der zu einem Konflikt führt. Unser verunsicherter Geist versetzt unseren Körper in Alarmstimmung und schüttet einen neurochemischen Cocktail aus, der uns helfen soll, den Konflikt zu lösen. Je länger der Konflikt anhält, umso ein größeren Gefallen empfinden wir am emotionalen Rausch. Die verzerrte Wahrnehmung wird zu unserer Realität. Reale Konflikte, die unsere biologischen Bedürfnisse berühren spielen nur noch selten eine Rolle. Stattdessen fühlen wir uns gestresst, obwohl im Außen alles in Ordnung ist. Wir werden zu Gefangenen unserer eigenen Emotionen. Es ist unsere Aufgabe unseren bewussten Geist zu schulen und unangemessene Überzeugungen zu verändern oder loszulassen. Erst die Annäherung an die wirkliche Realität – fernab aller Gedankengebäude – erlaubt uns ein Leben voller Gelassen- und Zufriedenheit.

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