Mit bewussten Grenzen durch die Krise

„Grenzen setzen!“ Dieses Thema ist aktueller denn je. Die derzeitige Flüchtlingskrise hat uns dazu veranlasst wieder über unsere eigenen Grenzen nachzudenken. Grenzen zu setzen meint dabei nicht, sich von der Außenwelt abzuschotten, sondern das eigene Werteempfinden transparent der Umgebung zu vermitteln. Eine Krise, wie die aktuelle, ist ein Zeichen dafür, dass unterschwellige Konflikte im Untergrund ihr Unwesen treiben. Das gilt für die Gesellschaft im Allgemeinen und für uns als Einzelperson im Besonderen.

Eine „Grenze zu setzen“ kann letztendlich nur derjenige, der seine eigenen Bedürfnisse und die seiner Umgebung genau kennt. Ob körperliche, geistige oder seelische Bedürfnisse, werden sie nicht ausreichend wertgeschätzt und die eigenen Grenzen überschritten, führt das zu Stress und Unwohlsein. Eine kurzzeitige Überschreitung tut in der Regel weh, ist aber verkraftbar. Längerfristige Übertretungen rütteln am persönlichen Fundament – der eigenen Gesundheit. Die verbale und non-verbale Kommunikation sollte daher dazu dienen, die eigenen Grenzen immer wieder dem Umfeld mitzuteilen. Kleinere Überschreitungen können mit einem einfachen „Nein“ geäußert werden. Je achtsamer unserer Umfeld ist, umso seltener kommt eine Grenzübertretung vor. Doch wie sieht die Grenze überhaupt aus? Wie eine Mauer? Ein Stacheldrahtzaun? Nein, es sind unsere Werte, die wir leben.

 

Werte geben unserem Umfeld Orientierung

Unsere Werte sind der Kompass unseres Lebens. Sie sind die innere Stimme in uns – unsere Ratgeber bei schwierigen Entscheidungen. Im Laufe unseres Lebens bildeten sie sich im Zusammenspiel mit unserem familiären Umfeld, Kulturkreis, Zeitgeist und Lebensalter heraus. Sie verleihen uns einen ganz spezifischen Charakter und vermitteln unseren Mitmenschen ein eindeutiges Bild über unsere persönlichen Lebensmotive und Überzeugungen. Wir sind in der Lage, dass eigene Handeln zu gewichten und mutige Entscheidungen zu treffen.

Werte – als Teil des inneren Modells von der Welt – sind jedoch viel mehr. Sie überlagern unsere biologischen Bedürfnisse. Ob Grund- und Sicherheitsbedürfnisse, soziale und individuelle Bedürfnisse oder das Verlangen nach Selbstverwirklichung, oftmals leiden wir an ihnen, obwohl kein Mangel im biologischen Sinne existiert. Wir empfinden lediglich gewisse Umstände als mangelhaft, da unsere Emotionen die eigene Wahrnehmung verzerren. Wir nehmen das wahr, was unserem Seinszustand entspricht.

Die untere Abbildung beschreibt diesen Zusammenhang noch einmal schematisch:

Werte

Ein Wert ist demnach umso bedeutender, je weiter die wahrgenommenen Lebensumstände von den eigenen biologischen Bedürfnissen abweichen. Umso größer die Angst vor etwas oder der Wunsch von etwas ist, je größer erscheint der Drang zu sein, diesen Umstand zu ändern. Entspricht unsere Außenwelt unseren biologischen Bedürfnissen, so sind sie von einen geringem Wert. Wir leben in Harmonie und fühlen uns zufrieden.

Dieser Sachverhalt ist einer der Gründe, warum Menschen mit einem naturnahen Lebensstil stressärmer leben. Sie reagieren lediglich mit Stress, wenn ihre wirklichen biologischen Bedürfnisse gefährdet sind. Menschen in Großstädten legen dagegen mehr wert auf Dinge, die flüchtig sind und den biologischen Bedürfnissen nur im übertragenen Sinne entsprechen. Ein gesundes Wertesystem zu haben, heißt demnach, sich auf die biologischen Bedürfnisse zu beschränken und fiktive Werte loszulassen.

Die aktuellen Flüchtlingskrise hält uns das beschriebene Phänomen deutlich vor Augen. Viele Menschen sehen ihre biologischen Bedürfnisse in Gefahr. Eine unbekannte Kultur mit fremden Werten löst existenzielle Ängste aus, die selten von realer Natur sind. Das innere Modell von der Welt, das unsere biologischen Bedürfnisse überlagert, erzeugt in Verbindung mit der inhaltlich einseitigen Informationsflut unkontrollierbare Gedankenketten. Die Emotionen kochen hoch und unser Geist bewegt sich an der Realität vorbei. Die Krise verschärft sich, ohne Hoffnung auf eine Lösung.

Der einzige Ausweg aus diesem Dilemma ist, die Ängste der Menschen ausnahmslos ernst zu nehmen. Es handelt sich um Konflikte in Verborgenen, die jetzt die Chance besitzen, aufgelöst zu werden. Nur wenn uns das gelingt, ist eine gesunde und vielfältige Gesellschaft realistisch. Alles andere führt zur Gewalt, die neues Konfliktpotenzial freisetzt.

 

Dem Umfeld Feedback geben

Seine eigenen Werte und Grenzen zu kennen, ist ein erster bedeutungsvoller Schritt, um sich aus dem Konfliktkreislauf zu befreien. Allerdings werden sie nur selten von unserer Umgebung intuitiv wahrgenommen. Es gilt, die Grenzen in konfliktaktiven Situationen verbal und non-verbal zum Ausdruck zu bringen sowie die Folgen eines Übertritts zu verdeutlichen.

Der „Feedback-Burger“ ist eine beziehungsorientierte Vorgehensweise, die unseren Gefühlen und die  unseres Gegenübers Rechnung trägt:

Feedback

Wenn wir ein wirkungsvolles Zeichen – im Sinne unserer biologischen Bedürfnisse – setzen wollen, benötigen wir eine wertschätzende Beziehung zu unserer Umgebung. Eine indirekte Kommunikation, die beispielsweise über soziale und öffentliche Medien erfolgt, läuft dieser zuwider. Es ist alternativlos, dass Menschen sich aktiv zuhören und die Feinheiten der verschiedensten Kommunikationssysteme studieren.

Erst dann ist der Zeitpunkt gegeben, bewusst Grenzen zu setzen. Sie sollten immer als Ich-Botschaft formuliert sein sowie die eigenen Befürchtungen und Wünsche direkt und eindeutig ansprechen – ohne eine Person anzugreifen oder distanziert zu wirken. Im Wesentlichen setzen sich Ich-Botschaften aus drei Aspekten zusammen:

  • den eigenen Gefühlen
  • dem konkreten Verhalten
  • der Folgewirkung

Mit Hilfe dieses Schemata können wir unsere ablehnende Haltung neutralisieren und unseren Grenzen ein freundlicheres Gesicht geben. Das Beispiel „Die Flüchtlinge überrennen uns und gefährden die öffentliche Sicherheit Deutschlands! Wir müssen die Grenzen schließen!“ könnte nach dem beschriebenen Muster folgendermaßen aussehen:

„Ich bemerke, dass die Menschen meiner Heimatstadt sich zunehmend unsicherer fühlen und die Angst vor radikalen Veränderungen auch bei mir wächst (= Gefühl). Die Anzahl der Flüchtlinge scheint von der Politik nicht mehr zu kontrollieren, so dass immer mehr deutsche Bürger zu extremen Verhalten neigen (= Verhalten). Ich befürchte, dass dieser Umstand – ohne klare politische Linie – meine gewohnte Lebensweise und die aller Deutschen gefährdet (= Folgewirkung).“

Die Ich-Botschaft lädt zu einer sachlichen Diskussion ein und lässt über den Dialog bewusste Grenzen entstehen. Mit einer auf Gefühlen orientierten Offenheit akzeptieren die meisten Menschen unsere gesetzten Grenzen und nehmen zukünftig verstärkt Rücksicht auf unsere Werte.

 

Fazit

Für uns als Menschen gilt es, Krisen, wie die Flüchtlingskrise, zu nutzen, um uns über die eigenen Werte und Überzeugungen klar zu werden. Sie sind zumeist Ausdruck unserer Emotionalität und spiegeln unsere Vergangenheit wider. Erst wenn wir sie verstehen, sind wir in der Lage, bewusst Grenzen zu setzen, die von dauerhaften Bestand sind. Sie wirken beziehungsfördernd, wenn sie ehrlich und persönlich formuliert sind. Grenzen sind klare Spielregeln, die dem sozialen Zusammenleben dienen. Wir alle sind gefordert zum Wohle eines harmonischen Miteinanders.

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